Weihnachtsworte aus dem Pfarrgemeinderat

Weihnachten

Weihnachtsthema = Lebensthema - Gedanken zu Weihnachten von Markus Lingen

Weihnachten 1223, drei Jahre vor seinem Tod, geht Franz von Assisi mitten in der Heiligen Nacht nach draußen in den Wald. Die Leute folgen ihm in Scharen auf dem Weg in die Nacht: Jung und Alt, Frauen und Männer, viele Arme, aber auch Wohlhabende – ein langer Zug mit Fackeln und Kerzen.

Ungewöhnlich genug, was draußen vor der Stadt Greccio geschieht: Mitten im Wald wird ein Stall hergerichtet und die Krippe, mit Heu und Stroh, das Kind darauf, Maria und Josef, Ochs und Esel. In der heiligen Messe singt Franz als Diakon das Evangelium und deutet vor der Krippe das Geheimnis der Heiligen Nacht. Franziskus hat als erster die Krippe von Betlehem leibhaftig dargestellt. Ihm verdanken wir diesen Brauch, der Weihnachten bis heute geprägt hat.

Weihnachten 1223. Zu dieser Zeit steht in Köln schon seit ungefähr 800 der alte Dom, Vorgänger des heutigen Doms dessen Bau 1284 begonnenen wurde. Hier wird schon Glauben gelebt und bezeugt.

Hier der prächtige Dom – dort der Stall. Hier der Reichtum an Architektur – dort der Freund der Armut. Bei Franziskus sammelt sich alle Sehnsucht und Leidenschaft im Kleinen, im Dom oder anderen prächtigen Kirchen vereinen sich die Möglichkeiten menschlicher Kunst zu ungeahnter Größe.

Krippe und Dom – unterschiedliche Welten; und doch dasselbe Tasten nach Ausdruck, derselbe Versuch, Unsagbares anzusagen, dieselben Fragen, die uns gerade an Weihnachten – in der Heiligen Nacht – umtreiben: Wo gehöre ich hin? Wo kann ich bleiben? Wo finde ich Heimat?

Warum möchten wir in diesen Tagen – wenn's eben geht und besonders in Zeiten von Corona – nach Hause? Rührt uns da nicht, bewusst oder unbewusst, eine Sehnsucht an, die ganz tief in uns steckt: Wir möchten wissen, wohin wir gehören. Wir möchten daheim sein und ein Dach überm Kopf haben. Wir möchten für immer nach Hause finden. Ist das nicht unser Weihnachtsthema und unser Lebensthema?

Gott finden im Menschen

Franziskus steht in den Anfängen der bürgerlichen Gesellschaft. Er kennt das Spiel mit der Macht, um Geld und Einfluss. Er könnte es mitspielen. Er wählt einen anderen Weg: Nicht hoch hinaus, sondern ganz tief nach unten – wie Jesus, dem er nachfolgt. Er lässt sich von den Armen umarmen. Leidenschaftlich liebt er in ihnen den „heruntergekommenen“ Gottessohn. Durch ihn weiß er sich ermutigt zu einem neuen Leben: arm, gewaltlos, einfühlsam, ganz dicht bei den Kleinen und Unterdrückten. Die Krippe, die er gegen Ende seines Lebens darstellt, ist alles andere als ein Zeichen sentimentaler Regression; sie ist Ausdruck eines Lebens in der Nachfolge Jesu. Er will da anfangen, wo Jesus angefangen ist. Er will da sein, wo Jesus ist, draußen vor der Tür: „[…] und sie legten ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Franziskus will Jesus in seinem Leben Platz machen. Er will den Stall sehen, die Armut spüren. Stall, Krippe – wissen wir noch, was das heißt? Dieses Jahr vielleicht mehr als je zuvor.

Franziskus ist in jener Heiligen Nacht nach draußen gegangen, in den Wald. Nicht, um der Kirche den Rücken zu kehren! Er hat die Kirche geliebt. Er hat verfallene Kirchen wieder aufgebaut. Aber er will in dieser Nacht der Schöpfung ganz nahe sein, dicht bei den Pflanzen und Tieren. Darum dürfen Ochs und Esel an der Krippe nicht fehlen.

Franz ist in der Schöpfung zu Hause. Er lässt sich in Gottes Welt beheimaten – kontemplativ unterwegs sein. Der Himmel als Dach überm Kopf, die Erde als Boden unter den Füßen. Im Sonnengesang feiert er das Geheimnis der Krippe in der Schöpfung. Er kennt diese Wahrheit noch, die uns fehlt und deren Mangel uns krank macht.

In seiner Treue zur Erde bezeugt Franziskus, was das Weihnachtsevangelium erzählt: Gott kommt zur Welt. Er ist ganz „eingefleischt“ in unserer Welt. Dieser Welt gilt die Verheißung: „Frieden auf Erden!“ Weil Gott zum Menschen gefunden hat, können Menschen zueinander finden. Ist es nicht das, was uns ein Leben lang unterwegs sein lässt? Ist es nicht das was uns unter Lockdownbedingungen so schmerzlich fehlt, dass Menschen zueinander kommen?

Das Ziel im Blick

Die Krippe, draußen vor der Stadt - und hier der prächtige Dom? Ist er nicht der Inbegriff einer etablierten Kirche, die Franziskus von Assisi und der aktuelle Papst Franziskus aufbrechen wollen und in der sie zum Aufbruch mahnen?

Hüten wir uns vor falschen Alternativen. Diese Kirchen laden ebenfalls zum Aufbruch ein, anders als Franz, aber nicht weniger glaubhaft, nicht weniger kritisch gegenüber allem, was Menschenhand baut und als Behausung zu bieten hat. Er lenkt den Blick voraus auf das, was die letzten Seiten der Bibel als Gottes Verheißung verkünden: Gott selbst wird eine neue Stadt bauen und unter uns wohnen: „Haus Gottes unter den Menschen.

Er hat unter uns gewohnt […]“ – und er tut's weiterhin. Er ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen, die er selbst geschaffen hat. Menschwerdung Gottes ist nicht ein Idyll, sondern ein Skandal: Gott begegnet uns in der Niedrigkeit eines Kindes. Das Kind in der Krippe – „der Messias, der Herr“. Er ist Ursprung und Mitte der neuen Stadt.

Es ist, als hätten die Erbauer des Domes oder anderer Kirchen die Gewissheit des Zieles in Stein gehauen, eine Vergewisserung auf dem Weg der Wohnungssuche. Mit der Vorstellungskraft von Verliebten machen sie auf dem Weg schon sichtbar, was am Ende sein wird: die Welt als Gottes Haus, und Platz darin für alle. Nicht zuletzt auch für die Natur, für Pflanzen und Tiere. Die Bilder und Ornamente im Dom, in Kirchen sind wie ein Sonnengesang.

Der Mut des Glaubens

Krippe und Dom – Zeichen der Ankunft, der Ankunft Gottes bis zum Äußersten. Transzendenz nach unten, in die tiefsten Tiefen. Transzendenz nach oben, auf die neue Stadt hin, hoch auf dem Felsen. Eine ungeheure Spannung. Dazwischen liegt unser Weg, dazwischen sind wir ausgespannt; Menschen auf Herbergssuche, mitten im kalten Winter, mitten in der Nacht. Was können wir uns Besseres wünschen als den Mut des heiligen Franz und den Mut der Kirchenbauer, den Mut des Glaubens: Schon ist uns Heimat geschenkt, in der Schöpfung und anfanghaft in der Neuschöpfung. Das ist für uns, die wir auf Herbergssuche sind, der Grund, Weihnachten zu feiern an der Krippe in unseren Kirchen.

Der Mut des Glaubens wird in dieser Zeit, gerade in unserem Erzbistum auf eine harte Probe gestellt. Missbrauchsskandal und auch der Pastorale Zukunftsweg machen es mir persönlich schwer! Der Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust ist immens! Macht- und Strukturfragen sind wichtig. Es wird juristisch argumentiert, taktiert, teilweise mit Sachzwang-reduzierter Ehrlichkeit gearbeitet. Da werden andere Meinungen nicht nur nicht wahrgenommen, sondern, wie auf einer Internetseite veröffentlicht, „abgewiesen“, man verschließt den Menschen das Internettor der freien Meinungsäußerung. Junge Menschen sollen Kirche als Heimat erfahren, in der sie wachsen können und zu starken Persönlichkeiten werden. Dazu benötigen sie eine Kirche, die glaubwürdig und wahrhaftig handelt und die sich des in sie gesetzten Vertrauens würdig erweist. Sie müssen erfahren, dass sie von der Kirche in ihren Gewissensentscheidungen ernst genommen werden und in ihren Bedürfnissen und Ängsten respektiert werden.

Man lässt die Seelsorger und Seelsorgerinnen vor Ort im Stich, die in vorderster Linie „Rede und Antwort“ stehen sollen, für Dinge und Maßnahmen, die sie selber gar nicht zu verantworten haben. Und auf der „Brücke des Schiffes Kirche“ macht man einfach weiter, und um im Bild zu bleiben, wie auf der Titanic, es spielt die Musik weiter als wenn nichts wäre, während das Schiff sinkt.

Leiden an der Kirche ist verschieden vom Leiden mit der Kirche. Dieses ist geboten, wo die Kirche, wo immer sie existiert, in Not, Bedrängnis und Verfolgung gerät. Hier gilt die Verpflichtung aller Christen zur Solidarität gemäß der Aussage: „Leidet ein Glied, so leiden alle Glieder mit; und kommt ein Glied zu Ehren, so freuen sich alle Glieder» (1 Kor 12,26). Da scheinen in gewissen Machtstrukturen verhaftete Menschen leider zu vergessen. Leiden an der Kirche in der Gegenwart ist nicht einfach der Schmerz darüber, dass die konkrete, geschichtlich existierende Kirche hinter der ihr gegebenen Verheißung, ihrem Auftrag und ihrem Anspruch zurückbleibt – das wird ständig der Fall sein. Darin ist auch die Tatsache begründet, dass die Kirche eine ecclesia semper reformanda ist, eine der steten Erneuerung bedürftige, aber auch fähige Kirche.

Die Kirche muss sich davor hüten, eine geschlossene Gesellschaft zu sein, die nur um das eigene Wohl besorgt ist, die die eigene Ruhe und Sicherheit zum obersten Maßstab macht und den Gehorsam als höchste Tugend preist, die von Berührungsängsten mit der Welt geplagt ist, die zugleich zur inneren Enge führen, an deren Ende nicht das Bild von der kleinen Herde, sondern das Ghetto steht. Aber die „kleine Herde“ darf auch nicht zur Ideologie werden, in der nur die „dummen, alles mittragenden Schafe“ sind!

Aber nicht in den Machtzentren geschieht das Entscheidende, weder in Rom, Jerusalem noch in Köln, sondern am Rand in Betlehem, im Leben scheinbar ganz gewöhnlicher Menschen. Genauer betrachtet müssen wir sogar feststellen: Am Rand von Betlehem, auf den Feldern vor der Stadt geschieht das Entscheidende, bricht Gott in die Wirklichkeit von uns Menschen ein, wird das Geheimnis dieses neugeborenen Kindes enthüllt. Dafür steht der Engel, der Bote Gottes, der den Hirten verkündet: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zu teil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, es ist der Christus, der Herr!" Weder der Imperator in Rom mit seiner Volkszählung, noch die Corona-Pandemie mit ihren Inzidenzzahlen, die alles in Bewegung setzen und verändern, stehen heute in der Mitte, sondern ein Kind in Windeln gewickelt, das in einer Futterkrippe liegt.

Der Stern hat sich nicht geirrt, als er den Fernsten rief, aufzubrechen zum nahen Gott. Der Stern hat sich nicht geirrt, als er den Wüstenweg wies, den untersten, den härtesten Weg. Der Stern hat sich nicht geirrt, als er stehen blieb über dem Haus der kleinen Leute: Dort ist die große Zukunft geboren. Dein Herz hat sich nicht geirrt, als es sich aufmachte, den Unbekannten zu suchen. Dein Herz hat sich nicht geirrt, als es nicht aufgab in der sichtlosen Ungeduld. Dein Herz hat sich nicht geirrt, als es sich beugte vor dem Kind.

Und so wünsche ich uns allen vier Schlüssel:

Einen Schlüssel für die Hintertür – der Herr kommt, wo und wann wir’s nicht vermuten. Er kommt in denen, die sich nicht ans große Tor getrauen.

Einen Schlüssel für die Tür nach innen – der Herr ist inwendiger als unser Innerstes. Von dort betritt Er das Haus unseres Lebens.

Einen Schlüssel für die Verbindungstür, die zutapezierte, zugemauerte nach nebenan – im Allernächsten, welcher der Allerfremdeste ist, klopft der Herr bei uns an.

Einen Schlüssel für die Haustür, für das Portal – dort hat man Jesus mit Maria und Josef abgewiesen. Wir wollen uns nicht genieren, ihn öffentlich einzulassen in unser Leben, in unsere Welt. Werden wir sein Bethlehem heute sein?

Corona wird uns nach wie vor bestimmen, aber nicht beherrschen, wenn wir diese frohe Botschaft „ver–heutigen“!

So wünsche ich Ihnen, dass Sie Weihnachten, das Fest der Freude, trotz Corona, mit all denen feiern und genießen, die Ihnen Freude schenken!!! Und vergessen wir nicht diejenigen, die unserer Hilfe, unserer Nähe, unserer Zuneigung so dringend bedürfen!

So schauen wir auf ein in allem außergewöhnliches 2020 und voller Hoffnung und Zuversicht auf das neue Jahr 2021!!!

 Ihr Markus Lingen

 

Fotos
Krippe St. Kosmas und Damian 2020: Frau Schenzler, privat
Kölner Dom: mons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28110738
Sonstige: Pixabay

4. Advent

Mit diesem von uns umgedichteten Versen nach Josef von Eichendorf wünschen wir Ihnen im Namen des Pfarrgemeinderates einen guten und segensreichen vierten Advent,
Marvin Anselm, Simon Blens und Peter Tiefenthal

Markt und Straßen stehn verlassen,
nicht nur durch die Weihnachtszeit,
dieses Jahr ist’s auch ein Virus,
es hält Einsamkeit bereit. 

Umso heller erstrahlen Fenster,
ganz besonders toll geschmückt,
Kinderaugen leuchten,
trotz der Schwierigkeit beglückt.

Keine Feiern und Konzerte,
Gedränge auf dem Weihnachtsmarkt
diesmal auch nicht, sondern Stille,
Alles wird bloß abgesagt. 

Wahrlich es sind schwere Zeiten,
die wir aktuell erleben,
doch trotz Advent voll Einsamkeiten,
hat Gott uns seinen Sohn gegeben. 

Und wenn auch im kleinen Rahmen,
tönt es hell und klar mit Schalle,
Gottes Sohn wird uns geboren,
als ein kleines Kind im Stalle.“

3. Advent

Perspektivwechsel

Advent heißt Warten
Nein, die Wahrheit ist 
Dass der Advent nur laut und schrill ist 
Ich glaube nicht

Dass ich in diesen Wochen zur Ruhe kommen kann 
Dass ich den Weg nach innen finde
Dass ich mich ausrichten kann auf das, was kommt
Es ist doch so
Dass die Zeit rast
Ich weigere mich zu glauben
Dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint
Das ich mit anderen Augen sehen kann
Es ist doch ganz klar
Dass Gott fehlt
Ich kann unmöglich glauben
Nichts wird sich verändern
Es wäre gelogen, würde ich sagen:
Gott kommt auf die Erde!

Und nun lesen Sie den Text von unten nach oben! Zeile für Zeile
(unbekannter Verfasser)

Verbunden mit herzlichen Grüßen aus dem Pfarrgemeinderat wünschen wir Ihnen einen guten und segensreichen dritten Advent,
Wilfried Schenzler, Matthias Senk und Ralph Zünskes

2. Advent

Ein Gruß aus dem Pfarrgemeinderat zum 2. Advent

Was bewegt uns in der Corona-Adventszeit?
Von Birgit Engelmann und Elke Speth


Birgit Engelmann:

"...sie (die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes) wird von denen vorbereitet und auch jetzt schon erfahren, die sich Gott zuwenden mit der ganzen Kraft ihres Lebens"

"Die sich Gott zuwenden mit der ganzen Kraft ihres Lebens", dieser Satz lässt mich nicht mehr los, gerade in der aktuellen Zeit, in der wir zwar Gottesdienst feiern, aber in beschränkter Form. Ich merke, wie schwer es mir dieses Jahr fällt, mich auf den Advent einzulassen, wie schwierig es für mich ist, in einen Zustand der Besinnung und Ausrichtung auf Gott zu kommen. Und wie wichtig für mich als Glaubensvertiefung die Fülle der Liturgie und die Begegnung mit anderen Menschen ist. Zu spüren, wie andere Gemeindemitglieder ihren Glauben, Mitmenschlichkeit und Ideenreichtum leben, gibt mir Kraft. Völlig überzeugt vom Hygienekonzept entsteht trotzdem aktuell das Gefühl einer Durststrecke, einer Dürre. Eine passende Erfahrung zu der Adventszeit auf dem Weg zur Quelle/ Krippe? Hätten wir nicht so eine veränderte Situation, wäre mir vielleicht nie bewusst geworden, wie wichtig mir manche Rituale oder Begegnungen sind. Von daher auch Dankbarkeit für das, was war, und die Vorfreude auf das, was kommt.

Evangelium nach Markus 1,1-8

1 Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, Gottes Sohn.
2 Wie geschrieben steht beim Propheten Jesaja - Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bahnen wird.
3 Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen! - ,
4 so trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündete eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden.
5 Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
6 Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.
7 Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken und ihm die Riemen der Sandalen zu lösen.
8 Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.


Elke Speth:

Ich habe in diesem Jahr sogenannte „Egli-Figuren“ für mich entdeckt: vollbewegliche Figuren, etwa 25 cm groß, die ich selber an zwei Wochenenden herstellen und einkleiden durfte. War es schon spannend (und auch etwas mühsam), aus Rohlingen, die noch keine Ähnlichkeit mit den fertigen Figuren aufwiesen, an zwei Wochenenden Puppen zu ‚erschaffen‘, so erlebe ich diese Figuren, die mich seitdem durch meine tägliche Bibelbetrachtung begleiten, derzeit als große Bereicherung.

Dabei baue ich mit den Figuren nicht (!) das jeweilige Tagesevangelium nach, sondern ich lasse mich von einem Satz, einem Wort oder einem Gedanken ansprechen und versuche das, was es für mich heute bedeutet, mittels der Figuren auszudrücken.

Aus dem heutigen Evangelium war dies die machtvolle Aufforderung: „Macht den Weg frei für den Herrn! Räumt alle Hindernisse weg!“

Ich habe mir überlegt, was mich daran hindert, den Weg für Jesus frei zu machen. Vielleicht erkennen Sie einige meiner Hindernisse und möchten sich Gedanken machen, welche Hindernisse es bei Ihnen sind und wie Sie sie darstellen würden?

Wir wünschen Ihnen einen schönen 2. Advent und eine Zeit, in der wir alle den Weg für Christus freimachen!

1. Advent

Ein Fest der Freude

Für das Thema dieser adventlichen Besinnung war ich lange auf der Suche. Auf dem Schreibtisch haben sich die Bücher getürmt, Abhandlungen von Theologen, Essays bedeutender Schriftsteller, die Bildbände der Fotokünstler, die Verse der Dichter – aber es wollte und wollte kein Funke überspringen. Die Musik hat ihr Bestes getan, um mich einzustimmen, aber ebenfalls umsonst. Wahrscheinlich blockt der Corona-Alltag mit den Emails und Sorgen, den Problemen und dem Ärger die guten Gedanken ab.

Und in einem Fernsehkanal sah ich eine weihnachtliche Werbung: über eine Straße waren Lichtgirlanden gegen den grauen Himmel gespannt und die Schaufenster haben um die Wette geblitzt und gestrahlt – etwas was wir in Corona Zeiten so wohl nicht live sehen werden. Auf einmal sah man einen Familie beim shoppen und dem Kind ging offenkundig ein heißersehnter Wunsch in Erfüllung: der Vater überreicht ihm eine rosarote Zuckerwolke. Und das Kind strahlt den Vater mit einer solchen Seligkeit an, dass man daran nicht vorbeigehen kann.

Und plötzlich weiß ich, was als Überschrift passen könnte: Das Fest der Freude.

Das Wort von der Freude  So ganz daneben kann ich mit dieser Wahl nicht liegen. Schließlich habe diese Schlagzeile ja nicht ich erfunden, sondern jener Engel, der auf den Fluren von Bethlehem mit dem sensationellsten Kommuniqué der Weltgeschichte betraut war. Der Engel hat mit den Worten begonnen: „Siehe, ich verkünde euch eine große Freude [...]“ Ich weiß mich also mit diesem Thema in voller Übereinstimmung mit dem himmlischen Pressezentrum.

Bleiben wir also bei der Freude, gerade in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Lockdown. Da die Welt unserer Empfindungen sehr vielschichtig ist, muss man doch mit einer gewissen Vorsicht an das herangehen, was uns bewegt, mit den Unterscheidungen jener Psychologie, die sich dem ganzen Menschen verpflichtet weiß, Freude und Freude ist nicht dasselbe.

Die Freude ist die Schwungkraft der Seele

Man darf den feinen Unterschied zum bloßen Vergnügen, zum seichten Amüsement, nicht übersehen. Das Amüsement begnügt sich mit dem Augenblick, die Freude überstrahlt das Gestern und das Morgen. Amüsement kann man kaufen, Freude bekommt man eigentlich nur geschenkt.

Das Vergnügen hat etwas mit Befriedigung zu tun, die Freude mit dem Glück. Mit dem Amüsement lebt der Mensch „in sich hinein“, mit der Freude „über sich hinaus“.

Das Vergnügen vertreibt die Zeit, die Freude erfüllt sie. Wenn sich das Amüsement vom Sessel erhebt, setzt sich gleich die Langeweile drauf. Wenn die Freude geht, nimmt die Dankbarkeit den Platz ein. Das Vergnügen bietet Ablenkung, die Freude motiviert.

Sicherlich könnte man noch viele Aphorismen zur Freude und ihren schwächeren Surrogaten erfinden, aber es mag genügen. Ein wenig hineinhorchen in Lebenserfahrungen, Erinnerungen, Initiativen, Menschen und Schicksale, gelungene Wenden und geglückte Neuanfänge – und immer wieder finden wir es bestätigt: Die Freude ist tatsächlich die Schwungkraft der Seele.

Die Freude umarmt die Welt

Die Freude drängt nach Mitteilung. Was uns der Alltag in tausend Spielarten lehrt, haben zwei große Geister in eine faszinierende Form gegossen: Friedrich von Schiller und Ludwig van Beethoven in der „Hymne an die Freude“, dem Schlusschor der Neunten Symphonie. Vielleicht ist die Sprache jener Zeit für uns eine Spur zu pathetisch, aber in der Schlussabrechnung der Geschichte wird es trotzdem stimmen, dass strahlende Herzen und leuchtende Augen unter den Menschen mehr Gemeinsamkeit geschaffen haben als geballte Fäuste und aufgerissene Mäuler.

Darum gilt es zeitlos: „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt [...]“. Die ekstatische Verzauberung der Seele, wie die Freude einmal genannt wurde, ist sicher ein wirklich segensreicher, ansteckender Bazillus in der Gesellschaft. Wenn diese rissige und verdorbene Erde trotz aller Bedenklichkeiten und Enttäuschungen, die sie birgt, doch hie und da die Melodie zu hören bekommt: „Seid umschlungen, Millionen, einen Kuss der ganzen Welt“, dann verdankt sie das sicher der strömenden Freude und nicht der messerscharfen Kritik, mag diese noch so berechtigt und notwendig sein.

Die Freude ist das lachende Gebet

Leute, die sich die Mühe machen, sorgsam Worte auszuzählen, haben festgestellt: Das Alte Testament stellt die Freude zweihundertmal, das Neue Testament hundertmal in die Mitte des gläubigen Daseins. Ich kann also auf Einzelzitate verzichten und nur noch einmal auf den besagten himmlischen Geist verweisen, der den Leitartikel über die Menschwerdung Gottes mit dem Satz begonnen hat:

"Ich verkünde euch eine große Freude“ (Lk 2,10). Und dabei hat er eigentlich noch ein wenig Understatement getrieben, denn es musste natürlich heißen: „Ich verkünde euch die große Freude schlechthin [...]“.

Ich gestehe, dass ich mir das selbst zu Herzen nehmen muss. Denn auch im kirchlichen Alltag läuft man Gefahr, diesen Grundton der Freude und der frohen Botschaft von allzu vielen Misstönen überlagern zu lassen, von Zeitproblematik und hoher Kirchenpolitik, von ungelösten Personalproblemen, Missbrauchsskandal in den Bistümern, pastoralem Zukunftsweg und Gefühlen der Hilflosigkeit. Und wenn man auch als Laie sich engagiert und vorübergehend auf der Kommandobrücke des Kirchenschiffes mit Dienst tun kann und froh ist, halbwegs den Kurs einzuhalten, dann drängen sich das ganze Jahr hindurch Eifrige und Aufgeregte heran, die es natürlich gut meinen und ständig Feuerbefehle zurufen: Da taucht wieder ein Skandal auf, dort zeigt sich ein Missstand, hier ist eine Provokation und dort eine Blasphemie, überall kommt das Böse aus den Tiefen.

Ich gebe ja zu, dass man hie und da eine gefährliche Mine ins Visier nehmen muss, die zu nahe an die Bordwand des Kirchenschiffes heran treibt. Aber ich wehre mich gegen die Vorstellung, dass das Schiff der Kirche wie ein schussbereiter Raketenkreuzer durch das Weltmeer pflügen soll, alle Ferngläser und alle Rohre auf das Negative gerichtet, das da auf den Wogen des Tages daher schwimmt. Ich fürchte mich vor dieser Vision der Kirche, weil auf einem solchen Fahrzeug keine fröhlichen Wimpel wehen.

Wenn wir schon beim Symbol des Schiffes bleiben wollen, dann lieber bei jenem wunderbaren Bild eines Kauffahrers, der in der Morgensonne mit gewölbten Segeln in die stille Bucht hereinfahrt, mit ungeahnten Schätzen an Bord, aus einem fernen Land, weit, weit hinter allen Horizonten. Es ist jenes Bild, das vor über 600 Jahren den frommen Mönch und Mystiker Johannes Tauler zu einem der zartesten und tiefsten Weihnachtslieder inspiriert hat: „Uns kommt ein Schiff gefahren, es bringt uns süße Last, darauf viel Engelscharen und hat ein' hohen Mast.“ Wie hat Georges Bernanos einmal geschrieben? „Die Aufgabe der Kirche besteht darin, den Menschen zu helfen, die Quellen der verlorenen Freude wiederzufinden!

Darum bin ich für die zweite Version des Kirchenbildes und nicht für den Raketenkreuzer. Und so gut es geht, sollten wir Christen, ob auf der Brücke oder auf den Decks, diese zweite Sicht zu verwirklichen suchen – und das heißt, dass sich die Kirche dieser Zeit sich vor Ort, mehr um die Rettungsboote zur Bergung Schiffbrüchiger kümmern müsste als um die Kanonen gegen das Böse.

Und das deshalb, weil der gütige Gott in seiner Komposition der Weltgeschichte doch auf den großen Hymnus der Freude als Schlusschor hinarbeitet, und weil also das kleine Kind, das von seinem Vater die rosa Zuckerwolke mit strahlenden Augen entgegennimmt, doch ein winziges Abbild der Menschheit ist, die Gott mit der Botschaft der Weihnacht zur Freude beruft

Ihr Markus Lingen

ADVENT

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