Salve Regina - Hans Jakob Ollig

Salve Regina

Gregorianischer Choral - Benediktinermönche, Santo Domingo de Silos

Moderne Interpretation - Michael Patrick Kelly

SALVE REGINA, Mater misericordiae,

vita, dulcedo, et spes nostra, salve.

Ad te clamamus, exules filii Evae.

Ad te suspiramus, gementes et

Flentes, in hac lacrimarum valle.

Eja ergo, advocata nostra, illos tuos

misericordes oculos ad nos converte. 

Et Jesum, benedictum fructum ventris

tui, nobis post hoc exilium ostende. 

O clemens, o pia, o dulcis

Virgo Maria.

SEI GEGRÜßT,  O KÖNIGIN, Mutter der Barmherzigkeit,

unser Leben, unserer Wonne, unsere Hoffnung, sei gegrüßt.

Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas

zu dir seufzen wir trauernd und

weinend in diesem Tal der Tränen.

Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende deine

barmherzigen Augen uns zu,

und nach diesem Elend zeige uns

Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes.

O gütige, o milde, o süße

Jungfrau Maria.

Abend für Abend nach der Komplet treten die Mönche der Orden der benediktinischen Mönchsfamilien  und auch einige anderer Orden  aus den Chorstallen vor und es erklingt,  mit Blick zum Altar  der abendliche Gruß an die Gottesmutter, das „SALVE REGINA“.  Die Mönche empfehlen sich dem Schutz und der Fürsorge der Gottesmutter für die Nacht. Der Abt segnet jeden einzelnen Mönch beim verlassen des Oratoriums  mit Weihwasser und es beginnt die Nachtruhe.

Die Besucher sind bewegt, und  verlassen schweigend den Gottesdienst.

Woher kommt dieses Gebet an die Gottesmutter?

Das SALVE  REGINA gehört zu den meist gesungenen lateinischen Chorälen, es war so bekannt das es von den Gläubigen  auswendig gesungen oder gesprochen werden konnte. Es wurde neben dem AVE MARIA (Gegrüßt  seist du Maria) und dem SUB

TUUM PRAESIDIUM (Unter deinen Schutz und Schirm) eines der volkstümlichsten Gebete zur Gottesmutter.  Und wie das bei so bekanntem Dingen oft der Fall ist liegt die Herkunft  im Dunkeln. Man benutzte, man betete es, der Text ging zu Herzen und über die Herkunft machte man sich keine Gedanken; es paßte, es war einfach da.

So ist das SALVE REGINA vom 11. bis 19. Jahrhundert, enthalten in ca. 75 Büchern,  anonym durch die Zeiten gegangen und seine Herkunft liegt nach wie vor im Dunkeln

Entstanden mag es wohl kurz nach der  Jahrtausendwende sein.  Im 11./12. Jahrhundert erlebte die Marienverehrung gleichzeitig mit der Idee der ritterlichen Minne, einen gewaltigen Aufschwung. Dazu diente und gehörte auch das SALVE  REGINA, der Gruß, die Bitte an die Gottesmutter.  Als Lied der Seeleute an der spanischen Küste und Pilgerlied im ersten Kreuzzugs (1096-1099) schon bekannt, wurde es am Ende des 11.Jh. als Gebet und Hymnus allgemein üblich. Papst Eugen III. (1145-1153) führte dieses Gebet allgemein in die Kirche ein. Aus ihrer Verbindung mit Psalm oder Psalmvers wurde die Antiphon  (wie auch die anderen marianischen Antiphone) gelöst, als sie an das Ende des Stundengebets gestellt wurde, wie Gregor IX.  dies 1239 für das SALVE REGINA anordnete. 

Als Verfasser von Text und Melodie galt gewöhnlich  der Mönch  Hermann der Lahme Heeman Contractus) vom Kloster Reichenau (gest. 1054).

Neuerdings wird von französischen Forschern mehr der päpstliche Legat des ersten Kreuzzuges, B. Adhemar von Puy  genannt. Auch dem Bischof, Petrus von Compostella (gest.1002) wird es zugeordnet. Das lässt die  Vermutung zu das der Text schon vor 1000 bekannt war.

In der Schweiz im Kloster Einsiedeln ist  es in einer Textfassung aus dem 12. Jh. erhalten, mit Noten im  frühen 14. Jahrhundert.

Das tägliche Singen wurde dort 1547 eingeführt. Dies geht zurück auf den aus seinem Zisterzienserkloster  Maulbronn vertriebenen Abt Johannes von Lentsingen, der im Kloster Einsiedeln Zuflucht fand. Dieses einstimmige Choral-Salve wurde dort bis ins 18.Jh. gesungen und dann durch eine mehrstimmige Singweise abgelöst.

Als marianische Schlußantiphon nach der Komplet wurde das SALVE  REGINA um 1221 zuerst vom Dominikanerorden eingeführt.

Die wachsende Marienverehrung ging auch am noch jungen Zisterzienserorden nicht vorüber. Wie in Molesme weihten die ersten Zisterzienser ihre Kirche der Königin des Himmels und der Erde und in der weiteren Zeit wurden alle Ordenskirchen der Gottesmutter geweiht. 1281 nennt der Orden Maria „die Patronin von Citeaux“ und von 1335 an mußte jedes Konventsiegel ihr Bild tragen.

Diese Verehrung Mariens  drückte sich auch in der Zisterzienserliturgie aus. So ist es nicht verwunderlich das auch SALVE  REGINA vom jungem Zisterzienserorden übernommen, wenn nicht gar gefördert wurde. War auch der Hl. Bernhard ein großer Marienverehrer.

Das der bekannte Schlußsatz: „O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria“ dem Hl. Bernhard im Dom zu Speyer zugeschrieben wird, dürfte wohl eine Volkslegende sein  denn die Erzählung taucht erst am Ende des Mittelalters auf. Frühere Zeiten, wo  alles über den Hl. Bernhard gesammelt wurde, berichten davon nichts. Zu dem tauchen SALVE REGINA –Texte in Handschriften des 11./12.Jh. auf, die dem Einfluß der Zisterzienser entzogen waren

Die älteste bekannte Urkunde des Zisterzienserordens  stammt aus dem Jahre 1218 und betrifft das tägliche Officium.

In einem Heiligenkreuzer (Österreich) Antiphonale steht es als Magnificat-Antiphon an Maria Lichtmess (02. Februar).

Im Jahre 1220 wird im Orden verordnet das die Antiphon SALVE REGINA nur privat zu beten sei.

Im Generalkapitel von 1251 beschließt man, daß das SALVE REGINA  Abends nach der Komplet zu singen sei. Diese Verordnung wird in den Ordenskapiteln von 1255, 1272 und 1275 erneuert wobei im letzten Jahr noch beigefügt wird, daß das SALVE samt Orationen zu beten sei.

Im Jahre 1601 bestimmt das General-Kapitel das alle zum abendlichen SALVE REGINA erscheinen sollen, also auch die Laienbrüder (Conversi).


Weiter wäre noch zu sagen was das Rituale über  die Antiphon SALVE REGINA enthält: Diese wird in unserem Orden täglich, Donnerstag und Freitag in der Karwoche ausgenommen, nach der Komplet gesungen. Die verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres bringen keine Abwechslung durch eine andere Antiphon, wie es im römischen Brevier der Fall ist.

Wie bei allen Antiphionen de Beata (Maria) steht der Konvent während des Absingens außer den Stallen, dem Altar zugewandt. 

Unter den drei SALVE REGINA-Melodien  ist sicherlich die bekannteste und jüngste die im Gotteslob  (alt (Nr. 570), neu 666.4.  Sie erscheint 1634 in einem Druck in Paris und erfreut sich bis heute größter Beliebtheit.

Die  Melodie aus dem Mittelalter wie sie die Zisterzienser- und mit kleinen Abweichungen, die Benediktinermönche singen, gilt als die älteste Singweise und darf als besonders gelungen betrachtet werden. (Antiphonale Monasticum  S. 176)

Hier spiegelt sich die Gedankenwelt des Mittelalters wieder. Musikalisch ist es dem Kyrie und Benedicámus Dómino  „Orbis Factor“ XI.  ähnlich. Man darf davon ausgehen das der Text einfach, wie es häufig vorkam, auf eine bekannte Melodie gelegt wurde. Was bei solchen bittenden, klagenden Worten auch zu diesem Ordinarium paßt. Die Melodie unterstreicht  die Bedeutung der Worte.

Es ist noch eine dritte Fassung im III. Ton bekannt in einer Ottobeurer Handschrift aus dem 12. Jahrhundert. Die aber nicht so, eine gelungene Einheit von Text und Musik darstellt und sich darum wohl nicht durchsetzen konnte.

So sind in der Geschichte SALVE REGINA-Melodien entstanden, die ganz aus dem Geist ihrer Zeit hervorgingen und die  Jahrhunderte überdauert haben. Eine fast schon melismatische Singweise des  Mittelalters im I. Ton und eine strenge Melodie im V. Ton aus der Zeit der Gegenreformation. Sie verdanken ihre Beliebtheit  sicher dem engen Zusammenhang zwischen Text und Musik.

Es ist letztendlich unwichtig wer das SALVE REGINA  schrieb, es ist entscheidend wie es uns berührt und anrührt. Ein anspruchsloser, einfacher Text, vielleicht grade darum weil aus dem Herzen kommend. Ein Trostlied in diesem Tale der Tränen das dem Mittelalterlichen Menschen immer zur Hand, zur Stimme war.

So wie uns heute dieses Gebet noch über die Zeiten hinweg berührt

Gotteslob  666.4

2002,  Hans Jakob Ollig

Literatur:

Bihlmeyer/Tüchle: „Kirchengeschichte“ Bd.II ,19.Aufl. Paderborn 1996

Anselm Schubiger: „Die Sängerschule St.Gallens“  Hildesheim 1966 

Lekai/Schneider: „Geschichte und Wirken der weissen Mönche“ Wienand-Verlag Köln 1958

Dr.Peter Wagner: „Einführung in die gregorianischen Melodien“ Teil 1, 2.Aufl. Freiburg 1901

P.Dr.Roman Bannwart OSB, Einsiedeln: „Das Einsiedler Salve Regina“  Radiosendung

P.Gregor Müller OCist.: “Die Verehrung der allers. Jungfrau in unserem Orden“ IV. Salve Regina, Cistercienser-Chronik   Dez.1890/Nr.22

Fred Büttner„Zur Geschichte der Marienantiphon SALVE REGINA“ in: Archiv für Musikwissenschaft 1989

„Antiphonale Monasticum“  Solesmes OSB   1934

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